Dienstag, 17. Juni 2014

Jetzt mal ehrlich!


Im Gespräch mit der Familientherapeutin Tanja Thelen gewinnt man den Eindruck, sie sei "eine von uns" - eine der Generation Y. Im Vorfeld gesteht sie, dass sie sich von den Werten dieser Altersgruppe sehr angezogen fühlt und auch ihr eigenes Leben nach ähnlichen Prinzipien lebt. Umso spannender war es, mit ihr über die Hintergründe dieser Generation, die Konflikte und ihre oftmals vorgeworfene "Selbstverliebtheit" zu sprechen. 

Das Gespräch führte Julia Loibl. 


[WAI]: Frau Thelen, was assoziieren Sie mit der Generation Y?
Tanja Thelen: Es ist eine Generation, die mehr im hier und jetzt lebt. Sie hat nicht das Bedürfnis tausende von Euro im Jahr zu verdienen, um sich dann das Haus, den Hund und die Kinder zuzulegen, um mit 50 nach dem großen Yachtkauf erst richtig glücklich zu sein. Es geht wirklich um das, was in der Gegenwart passiert und auch darum, dass der Beruf einem Freude bereiten soll und das jeden Tag.
Der Generation Y ist Familie und Freizeit wichtiger als Job und Karriere.        Wie  erklärt sich die Psychologin diesen Wandel in der Lebenseinstellung?
Ich glaube unsere Gesellschaft ist in den letzten Jahren sehr von Konsum und Leistung geprägt worden. Selbst Kindern wurden bereits in ihren jungen Jahren mit Themen wie Burnout, Nervenzusammenbruch und Depression konfrontiert. Was man haben muss und was man leisten muss, spielt eine große Rolle in unseren Leben. Da mitzuhalten, kann sehr anstrengend sein. Ich denke, dass dadurch viele jüngere Generationen ihre Lebensweise hinterfragen.
Thema Selfie: Sind wir alle nur selbstverliebt und vermarkten uns gerne oder verbirgt sich hinter diesem Phänomen vielleicht doch ein anderer Hintergrund?
Selbstverliebt? Das glaub ich weniger. Ich denke es hat eher etwas mit Unsicherheit zu tun. Mit dieser Art der Selbstdarstellung versucht man eine Richtung für sich selbst zu finden. Die sozialen Netzwerke machen es einem leicht sich selbst zu präsentieren. Man kann sich vielleicht auch mal so zeigen, wie man gerne wäre und im echten Leben gar nicht ist.
Frau Thelen, Ihnen sitzen täglich in Ihrer Praxis unterschiedliche Generationen gegenüber. Ist es für Sie schwierig auf jede einzelne Altersgruppe gleich einzugehen oder ihr Handeln zu verstehen?
Eigentlich nein. Meine professionelle Haltung als Therapeutin fordert grundsätzlich zwei Dinge: Neugier und Neutralität. Egal um welches Alter es sich bei den Menschen handelt.
Was stellt die größten Alltags-Konfliktsituationen bei Familien mit mehreren Generationen dar?
Die meisten Konfliktsituationen im Leben entstehen, wenn der eine die Werte des anderen nicht teilt oder dagegen verstößt. Am häufigsten begegnet mir so etwas bei Eltern und Kind. Eltern sind meist besorgt und wollen nur das Beste für ihren Sprössling. Kinder wollen hingegen das Leben entdecken und das auf ihre ganz eigene Weise. Konfliktsituationen können allerdings auch unabhängig vom Altersunterschied vorkommen. Bestes Beispiel: Wohngemeinschaft und das Bedürfnis nach Sauberkeit in den eigenen vier Wänden.
Ist man mit den Großeltern automatisch geduldiger als gegenüber den Eltern?
Man ist den Großeltern gegenüber wohlwollender, das Gefühl habe ich. Großeltern haben einfach auch einen anderen Auftrag als Eltern. Die Großeltern hatten ihren Erzieher-Part bei den Eltern und nun wendet sich das ganze. Großeltern spielen jetzt eine andere Rolle. Sie dürfen verwöhnen. Grenzen der Erziehung wie Bettgehzeiten, Süßigkeiten und ähnliches sind aufgelockert. Platt ausgedrückt, sind die Großeltern da um Wünsche zu erfüllen. Das hat eine ganz andere Ebene zwischen Enkel und Großeltern und das zeigt sich auch im Umgang. Für Kinder sind Großeltern ein wichtiger Mehrwert im Leben. Sie haben andere Erfahrungen gemacht im Leben, sind gelassener und geben den Kindern so wieder eine neue Sicht auf Dinge.
Die Kommunikation untereinander wird sich weiter verändern in den kommenden Jahren-inhaltlich als auch technisch! Entsteht dadurch eine immer größere Kluft zwischen Jung und Alt?
Bestimmt, aber durch die modernen Kommunikationsmittel kommt es auch zu einem neuartigen Rollentausch unter den Generationen. Jetzt können nicht nur mehr die Jungen von den Älteren lernen sondern die Jungen bringen den Älteren den Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln bei. So etwas kann auch verbinden.
Gibt es ein Rezept für den Umgang der verschiedenen Generationen miteinander? Vielleicht haben Sie ja einige Tipps?
Rezepte gibt es auf der menschlichen Basis leider nie, sonst könnte ich meine Praxis auch zumachen (lacht). Aber ich denke, egal wie alt, egal ob männlich oder weiblich, homo oder hetero. Jeder Mensch besitzt etwas ganz besonderes und es gilt dies zu entdecken. Jeder sollte eine gewisse Neugier auf Menschen haben. Wenn man ohne Vorurteile auf andere Menschen zugeht, wird man merken was den anderen so besonders macht und welche Erfahrungen ihn geprägt haben.

Frau Thelen, vielen Dank für das Gespräch! 

Seit vier Jahren begleitet Tanja Thelen in ihrer Praxis die unterschiedlichsten Menschen auf ihren ganz persönlichen Wegen und gibt Tipps in Partnerschaft, Sexualität oder Erziehung.





Kommentare:

  1. Tolles Interview!! Frau Thelen antwortet auf den Punkt und nicht mit dem üblichen Therapeuten-bla-bla. Ein interessanter Blick auf die Generation Y.

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  2. Liebe Julia,

    es geht mir wie dir! Ich habe auch das Gefühl, dass Frau Thelen "eine von uns" ist. Es ist nicht einfach, unsere Generation zu verstehen, weil wir sehr vielseitig sind und uns ja meistens noch nicht einmal selbst verstehen. Sehr schönes Interview!

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  3. Finde das Interview auch richtig gut Julia! Frau Thelen scheint die Generation Y wirklich zu verstehen, aber auch zu hinterfragen und durchaus kritisch zu beurteilen.
    Ihre Meinung zum Thema "Selfies" fand ich ziemlich interessant, weil ich mir persönlich ehrlich gesagt noch keine Gedanken dazu gemacht habe, wieso wir plötzlich und ständig alle, ob alleine oder in Gruppen, Selfies schießen!

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